Von Todsünden und scheinheiligen Vegetariern – ein Portrait über Michelle Podstawa

„Mit dem Käse und mit den Eiern ist es ein bisschen wie mit Süßigkeiten, solang man es nicht im Haus hat, isst’s man auch nicht.“

Michelle ist 21 und kennt sich mit Vorschriften bestens aus. Als kleines Mädchen waren es die religiösen Vorschriften der katholischen Erziehung. Jetzt sind es die Vorschriften, die sie sich selbst macht. „Am schwersten ist es auf Fleisch zu verzichten“, sagt sie und hält dabei ihre goldene Halskette wie einen Talisman umschlossen.

Vor einem Jahr traf Michelle mit ihrem Freund die Entscheidung vegan zu leben. Nach einem Monat des Ausprobierens „war es eigentlich gar nicht schwer“. Eine Auflockerung der Fleisch-Abstinenz ließ die beiden noch länger durchhalten. Die neue Vorschrift: Zu Hause gibt’s was Veganes, aber im Restaurant darf jeder für sich entscheiden. Nach 8 Monaten wurde das immer schwerer. Denn der Teufel hatte sich in Form von Hackfleisch und Käse in Michelles gut bestückte Küche geschlichen.

„Meine Oma behauptet, sie sei seit Jahren Vegetarierin, weil sie nur dreimal in der Woche Fleisch isst.“

Michelles Familie ist polnisch-katholisch.  „Bei meiner Mom gab’s jeden Tag Fleisch, richtig gutes Fleisch.“ Umso schwerer ist es jetzt, das früher so alltägliche zur  „Todsünde“ zu erklären, vor allem wenn man selbst nicht immer stark genug ist. Michelle verurteilt andere für ihren Konsum nicht, dennoch wünscht sie sich, verstanden zu werden. „Wusstest du, dass viel Schweinefleisch deine Entzündungswerte im Körper anhebt und in Milch auch Eiter ist?“ Nein, das wusste ich nicht.

Weniger schockierend ist da das der Katholizismus gerade weniger im Trend ist als der Veganismus. Jeden Tag entscheiden sich rund 200 Menschen dafür vegan zu leben und auf tierische Produkte zu verzichten. Im Gegensatz dazu verzichten seit 1990 immer mehr Menschen auf die Kirche. Bis sie 10 Jahre alt war nahm der Mann am Kreuz einen wichtigen Platz in ihrem Leben ein. Was das Lesen in der Kinderbibel und die Kirchgänge mit Oma dann kaputt machten war der Satz ihrer Religionslehrerin.

„Geschiedene Frauen kommen in die Hölle.“

Michelles Eltern waren zu dem Zeitpunkt schon geschieden. Trotzdem bezahlt Michelle noch die Kirchensteuer. Warum genau kann sie nicht sagen. „Irgendwann steig ich aus, aber jetzt nicht.“ Ob sie die Kirche vermisst? „Nein.“ Zum einen, weil sie nicht mit allen katholischen Werten Konform geht (z.B. dem Frauenbild) und weil sie sich die Erklärungen für ihre Fragen jetzt selbst geben kann. Anstatt sonntags in die Kirche zu gehen, steht sie jetzt wahrscheinlich in ihrer gemütlichen Küche. Über blubbernden Kochtöpfen mit meistens veganen Gerichten mach sie jetzt ihre eigenen Regeln und wirkt glücklich damit.

Bildquellen

  • michelle: Michelle Podstawa

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